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Coming out

Coming out GeschichteN

Hier kannst du fünf verschiedene Coming out Geschichten lesen. Alle Geschichten sind wirklich so passiert!

Min Coming out Bricht (von *Sandra, 17)

Was vorhär isch gsi

Man hört immer wieder, dass Lesben und Schwule "schon immer" gewusst haben, dass sie anders sind. Ich weiss nicht ob das auf mich auch zutrifft und ich finde es auch nicht wichtig. Kind ist Kind. Ich habe mich immer schon stark für Frauengeschichten interssiert. Im Stil von Frederica de Cesco Büchern. Wenn sich ein Junge und ein Mädchen verliebt haben, hat mich das nie so berührt, wie wenn sich zwei Freundinnen gefunden haben.

Innerliches Coming-out

In der Sek habe ich dann eine Arbeit über die Stellung der Frau geschrieben. Und mich intensiv mit dem Thema beschäftigt. So bin ich dann auch in der Bibliothek auf das Buch, Die Suche nach der zehnten Frau, gestossen. Es ist die Geschichte über das Coming-out eines 17-jährigen Mädchens. Ich habe mir eigentlich nichts dabei gedacht, als ich es ausgeliehen habe. Erst als ich es gelesen habe, habe ich gedacht, du, das ist doch genau das selbe, wie bei mir. Plötzlich war mir bewusst, ich bin lesbisch.

Ich hatte keine Probleme damit. Es war so und ich war nicht sonderlich erstaunt. Aber ich war auf eine Art stolz auf mich. Das ist auf jeden Fall das, an das ich mich erinnern kann. Ich hatte nicht gross das Bedürfnis mich jemandem mitzuteilen. Auch in der Schule nicht.

An den Schlussdiscos in den Lagern ging ich hinaus, wenn es Pärchentanzen gab. Ich wollte nicht mit einem Jungen tanzen.

Ich hatte in der Sek eine Essstörung. Ich sage nicht gerne Magersucht, da das nicht ganz stimmt. Ich habe meinen Körper nicht gehasst, aber ich habe immer weniger gegessen bis ich ambulant ins Spital musste. In der Primarschule wurde ich mehrere Jahre fertig gemacht und hatte deswegen wenig Selbstbewusstsein. In der Sek dann hatte ich Angst zu wenig gut zu sein und arbeitete viel zu viel. Wenig zu essen war wahrscheinlich eine Art mich in den Griff zu bekommen und eine Folge von psychischer Überbelastung. Als ich in Behandlung war, begann ich sofort wieder zu essen und ich wurde, obwohl ich viel weniger lernte, besser in der Schule. Und vor allem gewann ich eine grosse Achtung und Liebe für mich und meinen Körper und damit auch ein gesundes Selbstbewusstsein.

Als ich dann realisierte, dass ich lesbisch bin, hatte ich keine Probleme mich so zu nehmen und zu lieben wie ich bin. So betrachtet war es eine sehr gute und wichtige Erfahrung für mich.

Coming-out Eltern

Die ersten Menschen bei denen ich mich geoutet habe, waren meine Eltern. Besser gesagt meine Mutter. Ich hatte in dieser Zeit keine wirklichen Freunde.
"Es" auszusprechen hat mir grosse Mühe gemacht. Schlussendlich habe ich ihr unter Tränen gesagt, dass ich auf Frauen stehe.

Was ich nicht wusste war, dass sie es nachher meinem Vater auch erzählt hat. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass sie das tun könnte. Ich hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich nicht wollte, dass ich bei meiner Mutter geoutet war, bei meinem Vater aber nicht. Etwa drei viertel Jahre später raffte ich mich dann auf und machte den Schritt noch einmal. Er sagt nur, das wisse er doch schon. Das hat mich sehr getroffen, weil ich mir solche Sorgen gemacht haben und er nie ein Wort darüber verloren hat. Er hat mich nie darauf angesprochen, obwohl es sicher ab und zu Gelegenheit dazu gegeben hätte. Mein Vater spricht nicht viel, er ist nicht der Typ, der auf andere Leute zugeht. Aber das hat mich verletzt.

Meine Eltern haben es allgemein sehr gut aufgenommen, dass ich lesbisch bin. Ich glaube nicht, dass sie damit Probleme gehabt haben. Sie unterstützen mich voll. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, denn ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist.

Das erste Mal in die Jugendgruppe

Ich war mit meiner Familie in den Ferien, als ich den Artikel von Expect in der Zeitung las. Das war im August 04. Ich war interessiert und habe mir die Internetadresse gemerkt, aber ich hatte nicht das Verlangen da hin zugehen. Irgendwie war mir nicht danach und ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich es bräuchte. Es war mir einfach nicht wichtig.

Der einzige Grund wäre gewesen, endlich zu wissen wie andere Lesben und Schwule aussehen um mir selber ein Bild zu machen... Ich fand es aber daneben, deswegen hinzugehen.

Es war in London, wo wir mit der Klasse einen Sprachaufenthalt hatten, als ich mich entschloss einmal in die Jugendgruppe zu gehen. Plötzlich hatte ich das Gefühl jemandem erzählen zu müssen, das es in England viele schöne Frauen gibt. Ich hatte mich ja bis dahin nur bei meinen Eltern geoutet und hatte nie mit gleichaltrigen Jugendlichen über meine Gefühle gesprochen.

Als ich dann nach Hause kam, schaute ich auf der Homepage nach, wann das nächste Treffen war.

Am 1. November fuhr ich dann das erste Mal nach St. Gallen. Es war eine Beizentour geplant. Als ich diese Leute kennen lernte hat es mich nicht sonderlich umgehauen. Das tat mich damals sowieso wenig. Ich fand sie interessant und ich war mir dann auch sicher wieder einmal an ein Treffen zu gehen. Es zog sich dann aber ziemlich lange hin und ich begann nur noch auf dieses Treffen hin zu leben.

Coming-out

Die erste Person nach meinen Eltern, bei der ich mich geoutet habe, war Miriam. Ich war ein paar Mal mit ihr im Lager und sie war eine Freundin von mir. Wir sind dann in der Kanti in die gleiche Klasse gegangen. Wir hatten nicht viel miteinander zu tun, aber ich begann sie zu hassen, da sie immer ziemlich abfällige Bemerkungen über Schwule gemacht hat. Ihre Eltern sind sehr konservativ-religiös und sie hat ihnen alles nachgeschwatzt. Sie sagte zum Beispiel als ein schwuler Mann in der Sonderwoche aus seinem Leben erzählt hat, sie fände es daneben, dass ein Schwuler als Lehrer arbeiten könne. Sie fände es hässlich... Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt und ich habe ihr gesagt, ich fände es daneben von ihr, solche Bemerkungen zu machen und Dinge zu verurteilen, von denen sie keine Ahnung hat. Ich habe ihr dann auch gesagt, dass ich auf Frauen stehe.

Wie sie reagiert hat? Sie war ziemlich geschockt und es hat ihr wirklich Leid getan. Sie hat gesagt, dass sie es gar nicht so gemeint hat und dass sie keine Probleme mit homosexuellen Menschen hat. Es war auch so und wir haben dann auch wieder eine normale Beziehung führen können. Heute mag ich sie sehr und ich kann mit ihr über vieles reden.

Es war bis jetzt immer so, dass sich die Beziehung zu einem Menschen verbessert hat, nachdem ich mich geoutet habe. Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Expect

Ich begann regelmässig ins Expect zu gehen. Es wurde mir immer wichtiger und ich habe die Leute lieb bekommen. Ich habe mich immer wohl gefühlt und vor allem akzeptiert, egal wie ich bin.

Ich habe mich dann auch bei meinen Schwestern geoutet, weil ich einfach ehrlich sagen können wollte, wo ich am Abend hingehe. Sie haben es beide positiv aufgenommen, aber wir haben nie viel darüber geredet.

Die Jugendgruppe tut mir extrem gut. Freunde geben mir Kraft, den Weg zu gehen, den ich möchte.

Jetzt, und dänn?

Ich habe sehr viele schöne und wertvolle Momente gehabt, seit ich mich geoutet habe. Ich habe mich in meinem Leben, glaube ich, noch nie so stark verändert und war noch nie so glücklich. Ich habe auch wieder Freunde gefunden. Ohne Panzer ums Herz lebt es sich einfach besser.

Ich bin zuversichtlich für meine Zukunft und freue mich auf mein Leben als lesbische Frau. Es gibt so viel zu entdecken und zu tun. Ich hoffe, dass mich meine Erfahrungen weiterbringen werden.

Meine Geschichte (von Dominik,18)

Im Gegensatz zu mir, war, wie ich später erfuhr, den meisten Menschen aus meinem näheren Umfeld schon längst klar, dass ich auf Männer stand. Meine Leidenschaft für die bulimiekranke Hollywoodpuppe, mit welcher ich im Kindergarten oft zu Spielen pflegte, sowie mein Wunsch an der "Fasnacht" diverse Märchenfeen zu verkörpern, wurden als eindeutige Zeichen hingenommen. In der Unterstufe war das überhaupt kein Problem, ich war der Frauenschwarm der Klasse. Wahrscheinlich darum, weil ich genauso gerne mit Barbie spielte wie mit Lego. Da für mich schon immer klar war, dass ich heiraten und Kinder kriegen werde wenn ich gross bin, befasste ich mich nie mit meiner Sexualität und machte mir auch nie Gedanken drüber.

Nach dem Wechsel in die Oberstufe veränderte sich mein Leben drastisch. Die Leute die mich von früher kannten fingen an Gerüchte zu verbreiten über meine mögliche homosexuelle Neigung und pubertierende Teenies gehen oft nicht gerade taktvoll mit solchen Informationen um. Es wurde getuschelt oder gelacht, wenn ich im Flur vorüber ging und es zeigten Leute mit dem Finger auf mich, die mich überhaupt nicht kannten, geschweige denn sich mal mit mir unterhalten hatten. Meine besten Freunde fingen an sich ebenfalls von mir abzuwenden weil sie nicht selbst ins Schussfeld geraten wollten. Was mich am meisten nervte, ich war mir keiner "Schuld" bewusst. Ich hatte mich zwar noch nie damit auseinander gesetzt, aber ich verspürte nicht den Drang mit Männern zu schlafen und schwärmte heimlich für ein Mädchen aus der Parallelklasse. Ich fühlte mich missverstanden und suchte mir neue Freunde, ausserhalb der Schule, solche die mich nicht kannten und sich selbst ein Bild über mich machten.

Dabei lernte ich auch meine erste Freundin kennen, mit der ich auch fast eineinhalb Jahre zusammen war. Mit 16 kam ich dann an die Berufsschule und dort lernte ich ebenfalls viele neue Leute kennen und freundete mich mit einem Mädchen aus meiner Klasse besonders an. Wir unternahmen viel gemeinsam und kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag schleppte sie mich mit in die Disco in Gossau* . Sie wollte noch eine Kollegin und einen Kollegen mitnehmen und da ich gleich in der Nähe wohnte beschlossen wir danach alle bei mir zu übernachten. Wir beiden Jungs schliefen in meinem Zimmer und die beiden Mädchen in unserem Gästezimmer. Ich kannte ihn bereits aus der Schule, er ging eine Stufe unter mir zur Schule. Jedenfalls quatschten wir noch lange und konnten nicht so wirklich einschlafen als er plötzlich - nein ich muss euch leider enttäuschen wir haben es nicht miteinander getrieben - fragte ob ich eigentlich bisexuell sei. Ich war überhaupt nicht auf eine solche Frage gefasst und in jeder anderen Situation hätte ich mit "nein" geantwortet.

Seine Direktheit brachte mich allerdings etwas durcheinander und ich überlegte ziemlich lange was ich antworten sollte. Ich sagte schliesslich: "Ich weiss es nicht", was mich selbst überraschte. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich mich gar nie damit auseinander gesetzt hatte. Anscheinend hatte ihm diese Antwort genügt, denn er fing an von seinem Coming Out zu erzählen. Ich hörte nur die Hälfte der Geschichte, mein Hirn war zu sehr damit beschäftigt der Frage nachzugehen ob ich eventuell auch auf Männer stehen könnte. Ich hatte mich nie speziell zu einem Mann hingezogen gefühlt, aber wenn ich meine Schulkameraden nackt unter der Dusche nach dem Sport gesehen hatte, warf ich schon mal verstohlene Blicke auf ihre Körper. Wenn ich jetzt daran zurückdachte wurde mir auch klar, dass ich das wohl nicht nur tat um mein bestes Stück mit ihren zu vergleichen, sondern weil ich einen männlichen Körper erotisch anziehend fand.

Die folgenden Tage waren sehr verwirrend für mich. Ich versuchte dieses neue Empfinden, welches wahrscheinlich schon immer da war, jedoch noch nie gebraucht wurde, einzustufen. Es war als hätte mir jemand meine rosarote Brille abgenommen und mir die wahren Farben der Welt gezeigt. Einerseits war es ein befreiendes, andererseits ein befremdendes Gefühl. Ich surfte im Internet auf Homoseiten herum und stiess schliesslich auf Purplemoon.ch wo ich auch meine ersten schwulen Kontakte knüpfte. Nach ca. 2 Monaten hielt ich es nicht mehr aus und wollte es meiner Mutter erzählen, vor allem weil ich oft in Erklärungsnot kam, wenn ich mich mit Leuten traf, die ich von Purplemoon kannte. Leider lief es nicht wie gewünscht, ich sprach sie beiläufig bei einer Autofahrt auf dieses Thema an und als sie sagte, sie wäre nicht so begeistert von diesen Leuten, schrie ich es ihr einfach ins Gesicht: "Ich bin bisexuell".

Sie war schockiert, ich erleichtert. Es war raus und es fühlte sich gut an, egal ob meine Mutter nun begeistert war oder nicht. Ausserdem hatte sie das Ganze ziemlich schnell verdaut und meinem Vater, sowie meinen Grosseltern erzählt, welche es ebenfalls gut aufnahmen. Nachdem es alle aus meiner Familie wussten, begann ich mich bei meinen besten Freunden zu outen. Es haben es alle gut aufgenommen, wenn ich manchmal auch erst etwas ungläubig oder schief angeguckt wurde. Bestimmt hat sich einiges in meinem Leben verändert, aber ich bin immer noch dieselbe Person und ich weiss meine Vorteile aus meiner Sexualität zu ziehen. Wer hat schon so viel Auswahl in Sachen Partnersuche wie wir Bisexuellen?

Zu seiner Geschichte schrieb Dominik noch folgenden Kommentar:
Muäsch luäge, es git u viel Schwuli wo säged sie seged bisexuell, wills eifach Angscht hend, sich würklich izgestoh, dass sie schwul sind, gegeüber dä Umwelt, aber au sich selber. Wenns "hart uf hart" chämt (nöd zweidütig denke) chöntets au nur mit eme Ma! Und denn gits di "würkliche" bisexuelle, wiä zum Bispiel mich und dä Stef. Bi mir isches eifach so, dass i beidi Gschlechter uf ihri Art aziehend finde. Das chasch au voll nöd stüre, mengmol macht di en Ma meh ah, denn wieder e Frau...! Als Vorstufe würdis nöd bezeichne, aber i ha mi scho paar mol selber gfroget wiäs isch, weni zum Bispiel dä Ma oder dFrau für sLebe find... wa bini denn? I mein, denn wäri jo quasi hetero, wenni mitere Frau zämä bin und schwul wenni mit eme Ma zäme bin? Irgendwiä isch es chli strub mengmol *lol*

Mein Leben (von *Severin, 21)

Sexbeziehungen

Im Alter von etwa siebzehn Jahren begann ich erstmals richtig meine homosexuellen Gefühle zu spüren. Ich begann mich sehr intensiv für Männer zu interessieren. In dieser Phase aber vor allem für den Sex mit Männern. Ich glaubte, im Sex mit Männern meine Befriedigung, auch meine seelische Befriedigung, zu finden. Dass ich damals total falsch lag, wurde mir erst später bewusst. Sex ist wohl ein Bestandteil einer Beziehung, aber zuerst sollte das Herz kommen.

Zu jener Zeit hatte ich etwa 10 Sexbeziehungen: Eine in Luzern, eine in Zug, eine im Rheintal, eine in Kreuzlingen, zwei in St.Gallen, usw. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass es mir schwer fällt, mich auf Anhieb an alle Sexpartner zu erinnern. Diese Männer waren wie ein Spielzeug für mich. Wenn einer nichts mehr taugte, legte ich ihn beiseite, nahm den nächsten Mann, und kam bei Gelegenheit wieder auf den alten zurück.

Die schrägste Affäre hatte ich mit zwei etwa 40-jährigen Männern. Sie waren beide sehr vermögend und hatten diesen James-Bond-Charme: Champagner, schnelle Autos, Jachten auf dem Bodensee. Es war eine andere Welt. Auch mit einem jungen Heteromann hatte ich ein paar Mal Sex. Das war insofern komisch, als dass er immer von sich behauptete, nicht homosexuell zu sein. Er fand es aber immer total geil, mit mir ins Bett zu gehen.

Wenn ich diese Beziehungen so beschreibe, klingt es wohl so, als wenn mir das gut getan hätte. Dies war mitnichten so. Im Gegenteil: Ich wurde immer trauriger und einsamer. Ich fand in dem Sex nicht das, was ich suchte. Doch was suchte ich eigentlich? Damals wusste ich es noch nicht so genau. Heute bin ich aber der Überzeugung, dass ich auf der Suche nach Liebe war. Nach echter Liebe. Nach Zuneigung, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Nähe. Aber nicht nach Sex!

Aufmerksamkeit

In der Kantonsschulzeit wollte ich immer auf mich und vor allem auf meine Homosexualität aufmerksam machen. Ich wollte, dass meine Mitmenschen mit mir zu leiden hätten. Ich wollte ihnen Schmerzen zufügen, ich wollte ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken.

Etwas im dritten Kantonsschuljahr wurde mein Wunsch erfüllt. Im Schulhaus wurden immer wieder Flugblätter aufgehängt. Auf diesen Flugblättern standen mein Name und ein paar andere Namen. Wir wurden als Schwule betitelt, mit Fluchwörtern beschimpft. Wir wurden auf diesen Flugblättern schlicht wegen unserer angeblichen Homosexualität vor der ganzen Schule blossgestellt und fertiggemacht. Dies führte irgendwann dazu, dass die Schule Anzeige gegen Unbekannt erstattete. Die Ermittlungen der Polizei begannen.

Da ich ein Betroffener war, wurde ich einige Male von der Polizei verhört. Vor allem, weil ich in diesem Zusammenhang auch einmal tätlich angegriffen wurde. Ich war das Opfer, doch die Täter waren unbekannt. Mit dem Fortlauf der Ermittlungen kam die Polizei dem Täter auf die Spur, bis sie ihn schliesslich geschnappt hatten: Ich war der Täter. Ich hatte diese Flugblätter verteilt, diesen Angriff auf mich inszeniert, mich als Opfer dargestellt. Doch in Wirklichkeit war ich der Täter, der dies alles nur inszenierte, um Aufmerksamkeit und Mitleid zu wecken.

Auf diese Tat bin ich überhaupt nicht stolz. Und ich rate allen, die mit ihrer Homosexualität nicht klar kommen: Sprecht mit jemandem darüber, holt Hilfe. Aber verhaltet euch fair, und macht nicht den gleichen Fehler wie ich damals!

Suizid - Noch mehr Aufmerksamkeit

Während meiner Coming-Out-Phase kamen mir immer wieder Suizidgedanken. Ich war verzweifelt, wollte sterben; zumindest glaubte ich das damals. In Wirklichkeit wollte ich wohl wieder nur Aufmerksamkeit. Irgendwie befriedigte mich der Gedanke, dass ich sterben würde und alle anderen um mich trauern würden. Ich malte mir viele Male meine Beerdigung aus. Es sollte etwas Grandioses werden: Ich, jung und unschuldig, im Sarg; die Mädchen weinen Champagner-Tränen; es ertönt Musik; die Lichter gehen aus; usw.

Ich habe dann auch ein paar Mal versucht, mich umzubringen. Zum Glück hat es nie funktioniert. Ich wollte mich mit Benzin zum Ersticken bringen, ich wollte mich erhängen, ich wollte mir die Pulsadern aufschneiden. Doch ich zog es nie bis zum Letzten durch. Zum Glück. Ich war damals sehr dumm. Ich getraute mich nicht, mit meinem Umfeld zu sprechen, also sprach ich durch Selbstmordversuche, Abschiedsbriefe und ähnliches.

Mein Psychiater - Die Rettung

Während meiner Kantonsschulzeit ging ich regelmässig zu einem Psychiater. Das wurde so von der Schule verordnet. Dieser Psychiater half mir aus diesem Schlamassel heraus. Er hörte mir zu, zeigte Verständnis. Ich konnte mich ihm offenbaren.

Die Suizidgedanken nahmen ab, ich suchte richtige Beziehungen, ich sprach mit meinem Umfeld über meine Homosexualität.

Heute

Ich lebe in einer glücklichen Beziehung und habe mein Leben in den Griff bekommen. Ich versuche, meine Homosexualität natürlich zu leben, was mir hoffentlich ein wenig gelingt. Ich sehe positiv in die Zukunft.

Nur manchmal, wenn ich mich in einen hübschen Jungen aus der Klasse oder aus meinem Umfeld "verliebe" (wenn ich ihre Körper geil finde), kommen diese alten schlechten Gefühle wieder hoch. Doch dann schaue ich ein Foto meines Freundes an und muss sagen: "Eine Beziehung besteht aus so viel mehr, als nur aus Sex und aus dem geilen Körper des Partners." Liebe ist so viel mehr als ein gestählter Body. Ich liebe meinen Freund nicht wegen seines tollen Körpers, sondern weil ich ihn liebe.

Ein Lebensabschnitt beginnt (von *Martin, 21)

11. August 1997, Montagmorgen, 8:00 Uhr

Martin hat heute seinen ersten Schultag in der Sekundarschule. Mit einem grossen Rucksack marschiert er in Richtung der neuen Schule. Es ist ein komisches Gefühl für ihn, nicht zu wissen, was ihn wohl die nächsten drei Jahre, welche er in diese Schule gehen muss, alles erwartet. Der Schulweg scheint unendlich und dabei wird Martin so richtig bewusst, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt für ihn beginnt.

Endlich in der Schule angekommen, sieht er einige bekannte Gesichter, welche früher mit ihm in der selben Klasse waren. Die üblichen Worte des Schulleiters und einige Liedchen, gesungen von den höheren Klassen, bilden den Start der Oberstufe. Beim zugeteilten Klassenlehrer sieht Martin endlich seine zukünftigen Mitschüler. Die ersten Stunden werden damit ausgefüllt, sich vorzustellen. Die meisten Schüler machen noch einen braven, scheuen Eindruck. Martin sitzt neben Andreas, welcher schon seit der ersten Klasse sein bester Kumpel ist. Sie haben es immer noch sehr lustig zusammen und nehmen den Unterricht noch nicht so ernst. Die Lehrer sind sehr eigenartige Typen. Alle haben ihre persönlichen Macken ab denen sich die meisten Schüler kaputtlachen.

So vergehen die ersten Schultage. Martin lernt einige wenige von seiner Klasse etwas besser kennen, z.B. Sebastian, ein etwas seltsamer Schüler, der allgemein nicht so beliebt ist, weil er sich bei den Lehrern immer einschmeichelt und so. Ansonsten verbringt er die meiste Zeit in der Schule mit Andreas. Martin ist froh, jemanden zu haben, der etwa die selben Interessen hat und der zu ihm hält.

So und nicht anders!
Herbst 1998

Martin hat jetzt bereits ein Jahr der Sekundarschule hinter sich. Seit kurzem besitzt Martin zu Hause einen Internet-Anschluss. Vom Internet ist er sofort begeistert und surft oft im Datennetz der interaktiven, unendlichen Informationen herum. Da sich Martin schon länger mit dem Thema "Homosexualität" beschäftigt, d.h. es schwirrt ihm einfach die ganze Zeit durch den Kopf, findet er auch im Internet viele nützliche Infos darüber. Endlich macht es für ihn Sinn, warum er lieber die Jungs anguckt und nicht wie seine Freunde den süssen Mädchen in der Klasse nachschaut. Je mehr er darüber erfährt, desto sicherer wird Martin, dass er selber homosexuell ist. Er merkt auch schnell, dass es keinen Sinn hätte, es zu verdrängen oder so. Deshalb ist ihm vom einen Tag auf den anderen klar: doch, es ist jetzt so, so und nicht anders! Mit sich selber hat er von dem Tag an eigentlich keine Probleme mehr. Er ist stolz darauf, endlich seine wahre Identität gefunden zu haben. Was ihm jedoch Sorgen bereitet, sind seine Mitmenschen. Ihm ist bewusst, dass sehr viele Leute intolerant sind und kein Verständnis für ihn haben. Aus diesem Grund denkt er, es sei besser, wenn er es erst einmal für sich selber behalten würde. Um trotzdem mit jemandem reden zu können, ist ihm wieder das Internet behilflich. Er kommuniziert elektronisch via Internet mit vielen verschiedenen Menschen, oft auch mit solchen, welche in einer ähnlichen Situation sind.

Es ist jedoch klar, dass man in einer solchen Situation einfach das Bedürfnis hat, mit jemandem, der einem nahe steht, reden zu können. Und mit reden ist natürlich auch gemeint, dass man offen über seine Gefühle reden kann.

Da Martin mit seiner Familie es nicht gewohnt ist, über solche Dinge zu sprechen, wendet er an seinen besten Freund - Andreas. Verständlicherweise war es schwer für Martin, diesen Schritt zu tun und deshalb brauchte es auch einige Zeit, bis er Andreas sein "Geheimnis" übermittelt hatte. Aber er schaffte es! Und das machte ihm wieder neuen Mut und Freude am Leben.

Jetzt fragt man sich sicher, wie das Ganze denn jetzt für Andreas aussieht... Nun, auf jeden Fall ist es auch für ihn eine sehr schwierige Situation. Wie es für ihn wirklich ist, wird Martin erst viel später erfahren, weil er dies zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen kann.

Für den Leser ist es aber sicherlich bereits an diesem Punkt interessant zu erfahren, dass Andreas selbst schwul ist und sich dies auch schon eine Weile bewusst ist. Er kann jedoch damit nicht so einfach umgehen wie es Martin versucht - im Gegenteil, er hat extrem Mühe damit, ehrlich zu sich selber zu sein und versucht mit allen nur erdenklichen Mitteln, seine Gefühle zu unterdrücken und davon abzulenken. Nichtsahnend hat Martin mit seinem Outing bei Andreas eine grosse Angst ausgelöst. Was passiert, wenn jemand davon erfahren könnte - und noch viel schlimmer - wenn jemand die Wahrheit über Andreas selber erfahren könnte?!

Für Martin sieht es im Moment recht gut aus - es hat ihm gut getan, ein Vertrauen gefunden zu haben und mit jemandem offen geredet zu haben.

Einige Wochen später gelingt es ihm sogar, sich bei seiner Mutter zu outen. Dadurch ändert sich jedoch nichts in seiner Beziehung zu ihr, weil sie sein Schwulsein einfach mit "... in diesem Alter ist das sowieso nur so eine Phase..." auf die Seite schiebt. Für Martin ist dies sehr verletzend. Er fühlt sich nicht ernst genommen. Doch er weiss genau, was und wie er fühlt.

In einem Gespräch übers Heiraten sagt Martin seiner Schwester, dass er einmal einen Mann heiraten möchte. Diese nimmt das ganze als schlechten "Scherz" zur Kenntnis und wieder wurde Martin alles andere als ernst genommen.

Unter Druck
Frühling / Sommer 1999

Eines Tages muss Martin feststellen, dass seine Freundschaft zu Andreas nicht mehr das ist, was sie einmal war. Andreas distanziert sich immer mehr von ihm, verbringt mehr Zeit mit Anderen als mit ihm und sein Verhalten ihm gegenüber wird immer unpersönlicher.

Das belastet Martin sehr, denn er weiss, dass Andreas sein Geheimnis in sich trägt und dass dies eine Gefahr für ihn werden könnte.

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Zeit verbringt Andreas mit John. John ist in Martins Augen ein etwas eigenartiger Typ, vor dem er noch ziemlich Respekt hat. Er ist gross und kräftig.

An einem sonst schon mühsamen Montagmorgen kommt das, was kommen musste. John sagt Martin, dass er von Andreas wisse, dass es "irgendein Geheimnis" von mir gibt und dass es ihn wahnsinnig interessieren würde, jedoch Andreas es ihm nicht sagen will. Das ist natürlich ein grosser Schock für Martin, obwohl er so etwas ja fast erwartet hatte. Er verratet sich verständlicherweise nicht. Von diesem Tag an, ist er sehr unter Druck, weil er immer mit der Angst leben muss - was wenn...

So vergeht einige Zeit, bis es Martin einfach nicht mehr aushält und mit jemandem darüber reden muss. Auf einer Schulreise erzählt er seine unglückliche Situation seinen zwei besten Freundinnen Maria und Anna sowie auch Sebastian. Diese sind zwar zuerst recht geschockt, dann aber sind sie sehr enttäuscht von Andreas, weil er Martins Vertrauen missbraucht hat. Sie helfen Martin so gut es geht und versichern ihm auch, dass sie schweigen werden. Diese Unterstützung hilft ihm sehr und es geht ihm wieder etwas besser.

Das Klassenlager
Ende August 1999

Unterdessen hat für Martin schon das dritte Sekundarschuljahr begonnen. Ende August geht die ganze Klasse in ein Schullager. Alles verläuft gemäss Plan, die üblichen Ausflüge werden gemacht und die Klasse versteht sich gut untereinander. Nur etwas trübt die gute Stimmung - Franziska, welche verschiedene psychische Probleme hat, wird von den meisten der Klasse fertiggemacht. Es kommt soweit, dass Franziska bei einem Ausflug auf einmal spurlos verschwunden ist - und nach Hause fährt. Franziskas Geschichte hier nicht in allen Details, weil es ja hier um Martin geht.

Leider hat die Klasse mit dem Fall Franziska noch nicht genug und beginnt auch noch Sebastian fertigzumachen. Das weil er sich immer voll daneben verhält und sich bei den Lehrern einschmeichelt. Man hat das Gefühl, die Situation artet langsam aus, so was hat man selten gesehen, dass eine Klasse null Zusammenhalt hat und sobald jemand schwach ist, hat er keine Chance mehr. Martin, welcher normalerweise gut mit Sebastian auskommt, verzichtet darauf, ihn gegen die Anderen zu unterstützen, weil er selber schon genug unter Druck ist wegen John und Andreas. Sebastian kann das nicht verstehen (auch logisch, schliesslich versucht er nur seine eigene Haut zu retten) und droht ihm, in dem er ihm sagt, dass er sein Geheimnis auch wisse. Jetzt ist Martin doppelt unter Druck - zum einen wegen John und jetzt auch noch die Angst wegen Sebastian. Aber es kommt noch schlimmer - John kommt ausgerechnet an diesem Tag zu Martin und will ihn schon wieder ausquetschen. Da wird Martin bewusst, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Er überlegt sich auch, dass wenn er den Grossteil seiner Klasse auf seiner Seite haben will, dann müsste er mit Sandro gut auskommen. (Sandro, hat eine Rolle des „Klassenführers“, auf den noch die meisten hören). Er weiss auch, dass John seit einiger Zeit viel mit Sandro zusammen ist - und auch, dass Sandro und seine Leute, John und auch Andreas etwas gegen Sebastian haben. Da Martin im Moment die grösste Gefahr in Sebastian sieht, entschliesst er, endlich bei John sein Geheimnis zu lüften und erzählt ihm die ganze Geschichte... (was er später noch bitter bereuen wird).

Dieser reagiert sehr cool und sagt Martin, er solle sich keine Sorgen machen, sie seien sicher alle auf seiner Seite. Kurze Zeit später ist auch Sandro über alles informiert und demzufolge sind für Martin eigentlich alle Probleme beseitigt. Soweit so gut. Martin fühlt sich endlich wieder einmal sicher und wohl in seiner Klasse und denkt, dass jetzt alles gut kommen werde.

Nach einer Woche ist das Klassenlager fertig und der Alltag beginnt wieder in der Schule.

Die schlimmsten Monate
September bis November 1999

Leider kann sich Martin nicht lange über seinen Erfolg in der Klasse freuen. Denn er muss mit grossem Schrecken feststellen, dass hinter seinem Rücken Dinge geschehen, welche er niemals erwartet hätte. Er findet heraus, dass er Sandro wohl besser nicht vertraut hätte, denn dieser kann sein Geheimnis seiner "Crew" gegenüber nicht bewahren. Es wird immer mehr über Martin getuschelt und gelacht. Sie konfrontieren ihn zwar nicht direkt damit, es ist jedoch für ihn nicht überhörbar und das ist wahnsinnig belastend für ihn.

Die Situation verschlimmert sich weiter, als Sandro und seine Leute merken, dass sie es ja zu ihrem Vorteil machen könnten und dass es sicher unterhaltsam sein könnte, einen konkreten Grund zu haben, um jemanden fertigzumachen. Und genau das machen sie. Sie machen Martin fertig, so stark es nur geht. Sie werden sozusagen gewaltsam gegen ihn. Nein, nicht physische Gewalt, sondern psychische - und diese Form ist (meiner Meinung nach) die schlimmste und zerstörendste, welche Jugendliche gegen andere Jugendliche überhaupt anwenden können.

Die schlimmste Zeit erlebt Martin im Sportunterricht. Da er sowieso nicht gut in diesem Fach ist, ist es für ihn umso schlimmer, wenn er dazu noch fertiggemacht wird. Die Mitschüler lachen über jede Bewegung, die Martin macht und machen ihn (natürlich auf eine extra tuntige Art und Weise) nach. Natürlich ist Martin schuld, wenn man ein Spiel verliert und die Wut wird gnadenlos an ihm ausgelassen. Dabei verliert er immer mehr das Selbstwertgefühl und zieht sich auch immer mehr in sich selber zurück.

Auf jeden Fall wird die ganze Situation immer unerträglicher für Martin und seine "Feinde" werden immer stärker und gemeiner und er verliert immer mehr die Energie, um sich zu wehren. Sich wehren hat Martin schon lange aufgegeben. Er lässt alles über sich ergehen und erhofft sich so, am wenigsten neue Probleme zu erlangen. Dieses Verhalten animiert die andern jedoch erst recht, um weiter zu machen. Ein unsicheres Lächeln signalisiert nicht gerade eine Schranke im Sinne von:  "stopp, genug, aufhören... sonst kannst du was erleben...!"   Es gibt einige aus seiner Klasse, welche ihn in Ruhe lassen, ihn jedoch auch nicht unterstützen, weil sie ganz einfach nichts zu sagen haben bzw. Angst haben, selber unter die Räder zu geraten.

Wenig später, als es scheint, dass es gar nicht mehr schlimmer werden könnte, beginnt auch noch Gianni, Martin verbal in den Wahnsinn zu treiben. Gianni ist zwar ein sehr cleverer, blitzgescheiter Typ, nur leider benutzt er sein Wissen in negativer Form. Er bringt es zum Beispiel fertig, Martin während der gesamten Unterrichtszeit mit fiesen Wörtern und Sprüchen zu terrorisieren. Hier einige Beispiele, welche Martin von Gianni und den Anderen den ganzen Tag neben dem Getuschel und Gelächter hören muss:
"Verpiss dich du Scheiss-Schwuchtel"
"Schwule sind hier unerwünscht"
"Komm gehen wir - der Schwule kommt"
"Jetzt ist der Schwule dran mit Vorlesen, halt dir die Ohren zu, sonst wirst du auch schwul."
"Bist du schwul? Ja bist du, voll-ober-schwul... iih"

...das sind noch lange nicht alle, aber in dieser Form wird Martin systematisch kaputt gemacht von seiner Klasse. Martin wird nie verprügelt oder geschlagen, obwohl ihm das unterdessen fast lieber wäre, als diese verbale Attacken.

Es geht so weit, dass Martin das Gefühl hat, jeder in dieser Schule rede über ihn. Wenn während dem Unterricht geflüstert wird, ist er sich sicher, dass über ihn gelästert wird - selbst wenn dies gar nicht der Fall ist. Er fühlt sich richtig verfolgt und beobachtet. Auch im Schulhof traut er sich keinem mehr in die Augen zu sehen und hält sich nie länger in der Schule auf, als irgendwie nötig.

Schlimm ist jetzt auch, dass Martin in dieser Situation niemanden hat, mit dem er über seine Probleme sprechen kann. Er lässt sich bei niemandem etwas anmerken, dass es ihm schlecht geht, sondern tut gegen Aussen so, als wäre alles ok mit ihm. Doch wie es wirklich in ihm aussieht, dass kann man sich ja denken.

Die Lehrer bemerkten von dem Ganzen nichts, bzw. sie wollen es nicht bemerken. Martin hat auch nie mit ihnen das Gespräch gesucht.

Maria und Anna, die einzigen beiden, welche noch zu Martin halten, sind der Situation machtlos ausgeliefert. Sie realisieren zwar, dass es Martin schlecht geht, mit ihnen unterhält er sich auch ab und zu, können ihm aber nicht helfen. Verzweifelt deutet er Anna an, dass es so einfach nicht mehr weiter gehen kann und er auf irgendeine Art und Weise dem ganzen ein Ende setzen muss. Mehr belastet er Anna jedoch nicht mit dem Thema, da sie zu dieser Zeit selber private Schwierigkeiten hat.

November 1999
Die Blase der heilen Welt platzt

Folgender Text ist aus dem Tagebuch von Martin:

Montag
Der psychische Druck von den andern Schülern wird immer schlimmer. Meine beste Kollegin ist noch ziemlich die einzige Person in der Schule, mit der ich mich unterhalte. Ich rede mit ihr über meine Probleme, doch das reden allein genügt mir nicht. Es ändert nichts an der Situation. Ich erzähle ihr, dass ich es nicht mehr aushalte so und auch, dass ich nicht wisse, ob ich dem bald ein Ende setzten werde. Sie weiss, wie ich das meine. Sie versucht, mir diesen Gedanken wieder auszureden, was ihr eigentlich auch gelingt. Aber ich merke, dass der Gedanke, so nicht mehr leben zu wollen irgendwo tief in mir drin sitzt.

Dienstag
Heute haben wir zwei Lektionen Turnen. Ich reagiere nicht mehr auf die Sprüche und das Lachen - ich lache aus Hilflosigkeit schon fast selber mit. Ich leide sehr fest während der Zeit in der Turnhalle. Ok sicher auch ausserhalb, aber hier ist es einfach am extremsten, da man da allen blossgestellt ist. Doch ich beisse auf die Zähne. Ich mache mir plötzlich damit Mut, dass ich diese Situation bald nicht mehr erleben muss. Es wird sich alles ändern. Ihr werdet schon sehen. Ich muss nur noch ein wenig durchhalten, bis der richtige Moment da ist. Ich habe keine Angst vor diesen Gedanken, denn ich weiss, ich habe sie nur zu meiner Beruhigung. Das sie Wahrheit werden könnten, bestreite ich mir gegenüber. Vielleicht auch deshalb, weil ich mir vor einigen Wochen schon einmal ein Selbstmord-Szenario durchgedacht habe und dann aber wieder verworfen habe.

Mittwoch
Ich ertrage es nicht mehr, mit den andern Schülern in die Pause zu gehen. Ich warte im Schulzimmer oder im Gang, bis die Pause endlich vorbei ist.

Donnerstag
Die erste Lektion am Morgen ist Turnunterricht angesagt. Dies findet wie jeden Donnerstag in der Turnhalle Waltensberg statt. Obwohl die Turnhalle zu Fuss in zwei Minuten erreichbar ist, nehme ich immer das Fahrrad, um danach gleich weiter in die Schule zu fahren. Ich fahre das kleine Strässchen vor unserm Haus hinauf und will rechts in Richtung Turnhalle abbiegen. Doch ich kann nicht.
Ich habe Angst vor dem Turnunterricht. Ich weiss genau, das wir heute wieder Fussball und all dieses blöde Zeugs spielen werden und ich weiss auch, dass ich wie immer blöd da stehen werde, weil ich diese Ballspiele absolut nicht im Griff habe. Sowieso bei diesem Lehrer, der selber etwas hinter dem Mond lebt, ist es oft eine Qual, da meine Mitschüler dann problemlos sich über mich lustig machen können. Am meisten Spass haben sie daran, Schwule nachzumachen.
Ich stehe also an der Abzweigung und biege anstatt rechts einfach links ab. Ich will weit weg von der Turnhalle. Es ist mir egal, was die andern sagen werden. Ich will einfach nicht dahin. Am liebsten nie wieder. Am Ende der Strasse angekommen überlege ich, wo ich jetzt hinfahren soll. Ich biege nochmals links ab und fahre weiter. Ziellos fahre ich herum. Zwischendurch halte ich wiedermal irgendwo und hoffe, dass die Zeit möglichst schnell vorbei geht, denn es ist wahnsinnig kalt. Wieso habe ich auch ausgerechnet an diesem Tag meine Mütze und Handschuhe vergessen?! Ein eisiger Wind weht und es beginnt leicht zu schneien. Als die Zeit der Turnlektion langsam zu Ende geht, fahre ich zur Schule. Dort warte ich draussen und als der Turnlehrer kommt, erzähle ich ihm etwas von verschlafen zu haben.

Freitag
Ich habe genug. Die Schule wird immer unerträglicher für mich. Auch zu Hause läuft es nicht mehr gut. Ich bin sehr aggressiv meiner Familie gegenüber und lass niemanden an mich ran. Über meine Probleme zu sprechen ist in keiner Hinsicht ein Thema.

Montag
Man feiert heute meinen 15. Geburtstag. Der "schlimmste Geburtstag in meinem Leben", wie ich es im Nachhinein bezeichne. Alle haben Freude an mir, meine Eltern, meine Grosseltern, die Verwandten usw. Ich gebe mir alle Mühe, meine Probleme zu verbergen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Am Nachmittag habe ich genug. Ich werde nie mehr in diese Schule gehen, das steht fest. Mit diesem Gedanken fühle ich mich schon sehr erleichtert. Ich verabschiede mich gründlich bei meiner Kollegin und sage der noch, dass ich heute Abend nicht in die Musikprobe kommen werde. Beim weglaufen füge ich noch in Gedanken hinzu, dass ich wohl nie mehr kommen werde. Byebye Schule, auf Nimmerwiedersehen!
Jetzt bin ich richtig erleichtert, ich kann so einfach, ohne Mühe die ganzen Probleme hinter mir lassen.
Am Abend räume ich mein Zimmer auf. Ich sortiere sämtliche Schubladen, Schränke und erledige alles, was ich noch erledigen könnte. Ich bereite mich auf morgen vor, denn morgen werde ich nicht mehr zur Schule gehen, und übermorgen wird es mich nicht mehr geben.  Die verwegensten und verbotensten Gedanken werden Realität und niemand kann mich dabei aufhalten.

Dienstag
Der im nach hinein als "Schlimmster Tag in meinem Leben" bezeichnete Dienstag beginnt mit  viel Schnee. Soviel wie an diesem Tag hat es seit Jahren nicht mehr geschneit. Alles verläuft planmässig. Mein Vater fährt zur Arbeit und meine Mutter nimmt den Zug für einen Ausflug. Ich stehe normal auf und tue so, als ob ich nächstens zur Schule gehen würde.
Es ist etwa 8 Uhr morgens, jetzt bin ich allein zu Hause. Bis zu diesem Moment dachte ich, mein Plan würde Theorie bleiben. Doch nun schaltet sich mein Verstand ab. Es kommt mir vor, als ob ein anderes ICH, aber nicht ich selber die Kontrolle über mich genommen hat. Ich schreibe einen Abschiedsbrief.
Zur gleichen Zeit in der Schule bemerkt Anna meine Abwesenheit. Sie vermutet schon, was los ist. Da kann etwas nicht stimmen. Es muss etwas passiert sein. Das ist klar.

Martin versucht sich das Leben zu nehmen. Nur durch grosses Glück überlebt er. (...)

Nachtrag
Dezember 1999 und die Zeit danach

Es war ein grosser Schock für alle. Am schwierigsten war es wohl für meine Mutter. In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass ich überlebt habe, viel mir ein grosser Stein vom Herzen. Eine ganze Reihe von Emotionen kamen endlich zum Vorschein. Der ganze Druck von den letzten Monaten war plötzlich aufgelöst. Doch mein aller erster Gedanke war: "ich will leben und ich bereue zu tiefst, was ich getan habe!"

Ich sah ein, dass man sein Leben auf keinen Fall einfach wegwerfen darf und man jede Sekunde davon geniessen sollte. Wenn man in eine Situation kommt, in der man nicht mehr weiter weiss, muss man mit allen erdenklichen Mitteln etwas daran ändern, Hilfe holen und vor allem – REDEN, egal mit wem! Leider kam diese Erkenntnis etwas zu spät bei mir, aber besser spät als nie.

Die Zeit danach erlebte ich eine sehr positive Entwicklung von den Dingen, von mir selber und auch von meinen (neuen) Mitmenschen. Ich besuchte eine neue Schule mit tollen Leuten, absolvierte eine Lehre, welche ich nach drei Jahren erfolgreich abgeschlossen habe, verliebte mich ab und zu mal wieder und lernte vor allem etwas: zu leben - und das bereue ich keinen Moment lang. Ich geniesse das Leben.

Ich bin einigen Menschen äusserst dankbar für ihre Unterstützung. Besonders erwähnen möchte ich einen jungen Arzt, welcher selbst schwul ist und wohl als einziger meine Situation vollumfänglich verstanden hat. Er hat sich dafür eingesetzt und dafür gekämpft, dass er mich und meine Familie unterstützen konnte. Herzlichen Dank an dieser Stelle! Ohne ihn wäre ich jetzt nicht da, wo ich heute bin, er hat mir geholfen, das Leben mit seinen Sonnen- und Schattenseiten besser kennen zu lernen.

Auch mein Coming Out ging weiter voran. Ich lernte zu merken, wem man besser nicht alles anvertrauen sollte und mit wem man über alles sprechen kann. Ich wollte es nicht gleich jedem auf die Nase binden. Doch wenn mich jemand konkret danach fragte, verleugnete ich es auch nicht. Ich baute mir mit den Jahren ein Umfeld auf, in dem ich mich wohl fühle und ich ganz offen mich selber sein kann. Wichtig ist mir auch, dass ich Leute um mich herum habe, mit denen ich über meine Probleme, aber auch Freuden reden kann. Ich denke, das braucht jeder. Als kleiner Tipp am Rande: eine gute Möglichkeit für junge Leute, um solche Menschen kennen zu lernen ist sicherlich eine Jugendgruppe. Man profitiert definitiv mehr davon, als z.B. mit Chatten im Internet. (Ist jetzt meine Meinung nach meinen Erfahrungen).

Ende

Aus dem Verein (von Beat, 26)

Angefangen hat alles, als ich im Alter von 20 von zuhause ausgezogen bin. Endlich hatte ich meine eigenen vier Wände! Ich konnte jetzt mein eigenes Leben leben. Freundinnen... die hatte ich damals ja noch. Ich wusste zwar, dass ich irgendwie anders war als meine Altersgenossen, doch dass ich schwul hätte sein können, stand für mich ausser Diskussion. In den Bergen wohlbehütet aufgewachsen, war das überhaupt kein Thema für mich.

Mein grösstes Hobby ist die Musik. Ich spiele immer in einem Dorfmusikverein mit und geniesse es, auf diese Art schnell neue Leute kennen zu lernen. Da ich damals Waldhorn spielen gelernt hatte, ein eher seltenes und somit gesuchtes Instrument, wurde ich in unserem Dorf sofort mit offenen Armen empfangen. Da ich noch jung war, fragte man mich, ob ich nicht in der Jugendmusik aushelfen könnte. So lernte ich Thomas kennen... Er war der Schlagzeuger der Jugendmusik. Wir wurden sehr schnell Freunde, da wir beide von einer eigenen Band träumten. Hans, der Onkel von Thomas, war Dirigent der Jugendmusik. Auch mit ihm verstand ich mich auf Anhieb.

Durch ihn kam ich zu einem Dirigentenkurs, um danach das Jugendspiel von ihm zu übernehmen. Es hätte alles nicht besser laufen können. Wäre da nicht die Sache mit Thomas gewesen... Je öfter wir zusammen waren, um so mehr wurden unbekannte Gefühle in mir wach. Es wurde so schlimm, dass ich wohl in Thomas verliebt sein musste. Zum ersten Mal in meinem Leben verliebte ich mich bis über beide Ohren. Doch ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Eines Abends nahm mich eine sehr gute Freundin bei Seite und fragte mich, was mit mir los sei. Offensichtlich muss ich an diesem Abend ziemlich schlimm ausgesehen haben. Wir fuhren zusammen an einen See. Mit Tränen in den Augen gestand ich ihr meine Liebe zu Thomas. Sie war die erste Person, der ich das anvertraute. Die zweite war dann wenig später Thomas Onkel Hans. Zu meiner Verwunderung zeigte er viel Verständnis und akzeptierte mich so, wie ich war.

Nach einem Besuch einer schwulen Jugendgruppe in der nächstgrösseren Stadt konnte ich endlich zu meinem Andersein stehen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Ende Dezember besuchte ich mit einem Studienkollegen, einem Heti wohlbemerkt, die Stammkneipe meines Musikvereins. Er sprach aus Jux etwas tuntig. Schnell munkelte einige Leute im Lokal, dass er schwul sei. Da ich aber mit ihm zusammen war, musste ich es wohl auch sein. Von diese Gemunkel bemerkte ich an jenem Abend nichts. Nach einigen Tagen erfuhr ich durch Hans von den Gerüchten. Er dachte sich, der Studienkollege sei wirklich mein Freund. Daher hatte er das Gerücht bestätigt. Er versuchte auch den Leuten zu erklären, dass dies doch nicht schlimm sei...

Wenige Tage später erhielt ich eine Einladung einer Vorstandssitzung des Musikvereins. Das einzige Traktandum war meine Person. Der Vorstand hatte Bedenken, da ich ja als Leiter eines Jugendspiels auch Buben in der Gruppe habe: "Was sollen denn da die Eltern denken?" Ich kam mir vor wie ein Angeklagter. Sie fragten mich ob es den stimmte, dass ich homosexuell sei (wie sie dieses Wort nur schon aussprachen). Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Es gab nur noch die Flucht nach vorne. Zum ersten Mal bekannte ich mich öffentlich zu meinem Schwulsein. Obwohl der Präsident sich sehr für mich einsetze, wurde beschlossen, dass ich das Amt des Leiters des Jugendspiel abgeben müsse.

Ich forderte den Präsidenten auf, dem ganzen Verein reinen Wein einzuschenken, damit auch alle wussten, wie mit mir umgegangen wurde. Den Mut zur Rede, die er dann ein paar Tage später vor dem Verein hielt, muss ich ihm heute noch hoch anrechnen. Denn noch nie wurde im ganzen Verein offen über dieses Thema geredet. Er schaffte es, alle dummen Schwätzern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich wurde zwar in Ruhe gelassen, aber meine Freundschaft zu Thomas zerbrach. Ich war total alleine. Das alles ist jetzt etwas über drei Jahre her. Aus dem Verein bin ich ausgetreten. Meine Eltern haben von meiner sexuellen Orientierung und von dieser Geschichte erst etwa ein Jahr später erfahren. Doch was mich am meisten überraschte , war ein Gespräch mit dem Dirigent des Musikvereins des Nachbardorfes. Der hatte das Ganze mitbekommen. Er fragte mich, ob ich nicht bei seinem Verein die Jugendmusik übernehmen wolle? Er hätte mein Schwulsein im Vorstand besprochen und man sehe kein Problem darin. So wurde ich drei Monate später nach dieser ganzen Misere zum Dirigenten einer anderen Jugendmusik. Ich durfte erfahren, dass es auch in ländlichen Gebieten tolerante Menschen geben kann. Man muss vielleicht nur ins Nachbardorf umziehen...

Quelle:
Borschüre - schwul, Spot25 und Aidshilfe Schweiz
Jugendruppe Expect
* Alle Namen und Ortschaften wurden von Expect geändert