"Wenn ich überlebe wird aus mir ein toller Mensch"
Wenn du erkennst, dass du schwul, bi oder lesbisch bist, so finde ich das überaus mutig. Es ist schon toll, dass du überhaupt auf diese Homepage gekommen bist. Vermutlich hast du viele Strapazen hinter dir. Aber es ist eine Riesenleistung, dass du zu dir selbst stehen kannst!
Ich vermute, dass du dich richtig mies fühlst. Irgendwie erscheint dir alles verkehrt, dein Selbstwert ist im Keller. Verurteile dich aber nicht deshalb, versuche nicht jemand zu sein, der du nicht bist. Steh zu deinen Gefühlen und überlege dir, was dir gut tun könnte. Was wäre ein Aufheller? Was hilft dir in deiner momentanen Situation? Wo fühlst du dich wohl? - Geh diesen Fragen nach und versuche sie für dich zu beantworten und handle nach ihnen. Geh dorthin wo du dich wohl fühlst, mach das was dir in der momentan schwierigen Situation hilft. Such gesunde Wege mit deinen Gefühlen umzugehen, schluck die schlechten Gefühle (wenn du welche hast) ja nicht runter, sondern setze dich mit ihnen auseinander und such nach Lösungen.
Und bitte denk immer daran: DU BIST VIEL ZU WERTVOLL, ALS DASS DU DICH SELBST VERLETZEN DÜRFTEST! - Vielleicht hast du schon oft gehört, du seist wertlos, oder man hat dich fertig gemacht, weil du schwul, lesbisch oder bi bist. Wenn das der Fall ist, so brauchst du eine gewisse Zeit, um wieder an dich glauben zu können, das ist klar. Aber du bist nun mal wirklich ein ganz besonderer, wertvoller und einzigartiger Mensch. Behandle dich selbst mit Achtung und Liebe.
Wenn du leidest und deinen Schmerzen entfliehen willst, so sind Drogen natürlich attraktiv. Es ist sehr simpel seine eigene Stimmung mit Drogen aufzuhellen, aber man ist auch schnell wieder auf dem harten Boden der Realität. - Viele Drogenabhängige, die nun clean sind (also keine Drogen mehr nötig haben) berichten davon, dass die Drogen für sie nur eine Art davonrennen vor den eigentlichen Problemen waren.
Du löst mit den Drogen deine Probleme nicht, sondern du schädigst und gefährdest dich damit nur selber und kommst deshalb der Selbstachtung kein Stück näher und meistens verschlimmert sich die Situation durch Drogen sogar noch. Beth ist eine Jugendliche aus den USA und sie berichtet, dass sie an der Oberstufe schon sehr viel getrunken habe: "Mit der Trinkerei fing ich an, als ich begann, mit Jungen zu gehen. Damals stellte ich keinen Zusammenhang damit her, dass ich lesbisch bin. Ich wusste nur, dass ich high sein musste, wenn ich mit einem Jungen zusammen war. [...] Schliesslich war ich ein so hoffnungsloser Fall, dass ich nicht mehr allein gelassen werden konnte. Ich hatte völlig die Kontrolle verloren." - Beth ging schliesslich zu den Anonymen Alkoholikern und fand so einen Ausweg aus der Sucht. Heute ist sie clean (d.h. sie nimmt keine Drogen mehr) und lebt mit ihrer langjährigen Freundin zusammen. Sie sagt von sich, dass sie sich gesünder und glücklicher fühle als je zuvor im Leben. - Lass es gar nicht erst soweit kommen wie bei Beth! Wenn du aber trotzdem ein Alkohol- oder Drogenproblem hast, so such das Gespräch mit jemandem zu dem du vertrauen hast. Es gibt auch ein Sorgentelefon für Jugendliche, wo du anonym über deine Probleme reden kannst.
Viele Jugendliche, die gemerkt haben, dass sie lesbisch, schwul oder bi sind, hassen sich deshalb und versuchen sich irgendwie "umzumodeln" oder "umzupolen" oder ihre eigentlichen Wünsche einfach zu vergessen. Manche begehen sogar Selbstmord, wenn ihr innerer Konflikt unerträglich wird. Auf diese Weise sind schon viel zu viele kluge, vielversprechende junge Menschen verloren gegangen. Es ist uns ausserordentlich wichtig, dass wir DICH nicht auch noch verlieren! BLEIB AM LEBEN, denn denk immer zuerst an folgende Sätze:
Unsere Gemeinschaft braucht dich. Wir brauchen deine besondere Lebensenergie und deine Fähigkeiten. Bitte geh nicht weg, sondern bleib bei uns.
Vielleicht denkst du an Selbstmord und du weisst nicht was du tun sollst. Deine Situation erscheint dir als ausweglos, du siehst keine Zukunft mehr. Sollte dies der Fall sein so...
...erzähl einem Menschen, dem du vertraust, von deiner Verzweiflung. Wenn die erste Person, die du ansprichst, dir keine Hilfe ist, rede mit jemand anderem. Versuch es immer wieder. Lass andere wissen, wie es dir wirklich geht.
...beschliess jeden Tag aufs Neue, heute am Leben zu bleiben, auch wenn du das nicht willst. Diesen Beschluss kannst du zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal überdenken, aber wenn du heute stirbst, bleibt dir keine Gelegenheit mehr dazu.
...entschliesse dich Hilfe zu suchen. Stelle einen Plan auf, wie du wenigstens mit einem Menschen Kontakt aufnehmen kannst, um über deine Gefühle zu reden.
...hole dir jetzt Hilfe, gleich jetzt, nicht erst morgen!
...nimm ein Beratungs-/Sorgetelefon in Anspruch!
Wenn du zu Hause misshandelt wirst (egal ob mit Worten, mit Schlägen oder sexuell), wenn man dich rauswerfen will oder wenn du wegläufst, dann brauchst du Hilfe und hast auch ein Recht darauf. Es gibt Behörden, die dir helfen können. Nimm diese Hilfe in Anspruch, denn wenn es dir schlecht geht, hast du sie verdient. Schau zu dir, dass es dir gut geht und meide diejenigen Leute, die dir böses antun oder angetan haben!
Wenn es dir schlecht geht, du Probleme in deiner Beziehung hast oder Schwierigkeiten mit deiner Familie, deinen Freunden oder Freundinnen, so suche dir Unterstützung. Lies die folgenden Ratschläge genau durch und überlege dir welche für dich stimmen. Welche kannst du mitnehmen auf deinen Lebensweg, so dass es dir mit deiner ganz konkreten Geschichte besser geht?
Sei gut zu dir selbst! Ermutige dich selbst und bestärke dich selbst. Erinnere dich an deine Stärken, denn jeder Mensch hat positive Eigenschaften und wertvolle Qualitäten, manchmal sind es gerade diejenige, auf denen die anderen die ganze Zeit rumhacken.
Denk immer daran: Die Tatsache, dass du lesbisch, schwul oder bisexuell bist, ändert nichts an deinen guten Eigenschaften. Yvette (eine Jugendliche aus den USA) berichtet aus ihrer Erfahrung: Du musst dich einfach selbst gut finden. Wenn du dich selbst gut findest, kommt alles andere automatisch. Es nützt nichts, wenn du dich selbst niedermachst. Ich habe es erlebt, deshalb weiss ich es.
Wenn Leute etwas Beleidigendes zu anderen oder über andere sagen, hat das oft gar nichts mit der jeweiligen Person zu tun. Schwule und Lesben werden herausgefordert und bedroht. Frauen erleben, dass ihnen obszöne Sprüche nachgerufen werden. Und nichts davon hat damit zu tun, wer diese Menschen wirklich sind. – Vermeide, so gut du kannst, solche Dinge persönlich zu nehmen, denn diese Dinge, die schwulenfeindliche/ lesbenfeindliche Menschen äussern, zeigen oft genug das Ausmass ihrer Fehlinformationen. Manchmal hilft es schon, das zu wissen. Es ist sowieso dumm was sie sagen, so höre gar nicht erst auf sie. Du bist in deiner persönlichen Entwicklung um einiges weiter, als alle diejenige, die dumme Sprüche über deine Art zu lieben nötig haben. Und oftmals sind diejenigen, die am lautesten gegen Schwule und Lesben Stimmung machen, selbst verunsichert.
Kreativität kann dich stärken, wenn du schmerzliche Empfindungen durchlebst. Kränkungen und Schikanen machen, dass du dir klein vorkommst und dich elend fühlst, doch mit Hilfe deiner Kreativität kannst du das Gegenteil bewirken: male, zeichne, bastle, tanze oder mach Musik, koche für deine Freunde, schreibe Songs, oder Gedichte...
Wenn du dich elend fühlst, verlierst du oft das Interesse an Dingen, die dir sonst Spass machen. Es kann ziemlich mühsam sein, dich zu deinen gewohnten Aktivitäten durchzuringen, wenn du keine rechte Lust dazu hast. Aber es lohnt sich. Ob du nun Computer spielst, oder in einem Chor bist, ob du Schweine züchtest oder nähst, schwimmst, gerne Tanzen gehst oder in der Schule gute Noten bringst - mach einfach weiter damit. Gib das, was dir am Herzen liegt, nicht auf!
Unterdrückte Menschen haben sich stets des Humors bedient, um nicht den Mut zu verlieren und auf die Ignoranz engstirniger Menschen hinzuweisen. - Bewahre dir deinen Sinn für Humor, sonst ist es nämlich nicht mehr lustig ;-)....
Wenn du zur Schule gehst und dir das Leben schwer gemacht wird, ist eine der besten Auswegsmöglichkeiten, gute Leistungen zu erzielen und zur Uni zu gehen oder eine Ausbildung anzufangen. Wenn du gerade erst auf der Oberstufe oder der Mittelschule angelangt bist, so halte dir immer vor Augen, dass du bald deine Lehre oder dein Studium in einer anderen Stadt beginnen wirst und ein neues Spektrum von Leuten treffen wirst. Man kann gar nicht genug betonen wie befreiend der Wechsel zu einer neuen Ausbildungsstätte für viele junge homosexuelle Menschen ist. - ABER: das soll nicht heissen, dass du dich auf später vertrösten sollst. Denn wenn du heftig fertig gemacht wirst, hast du auch ein Recht dagegen anzukämpfen. Es kommt niemandem zu, dass er von den anderen immer in den Boden gestampft wird. Sobald du dich outest und offen dazu stehst, wie du bist, kannst du dich auch für deine Rechte stark machen.
Viele lesbische, schwule oder bisexuelle Jugendliche, die sich in ihrem Heimatort nicht wohl fühlen, ziehen in grössere, weltoffene Städte um, besorgen sich Arbeit, finden Anschluss an die dortige schwullesbische Gemeinschaft und gestalten sich ein Leben, mit dem sie zufrieden sind.
Wenn du Belästigungen allein ausgesetzt bist, bist du ein Opfer. Doch wenn du dich mit anderen zusammentust und gegen die Unterdrückung kämpfst, wirst du eine / ein AktivistIn. Wenn andere dich quälen, besteht ein Ausweg darin, deine Wut in Energie zum Kampf für die Rechte aller Lesben, Schwulen und Bisexuellen umzumünzen. Du kannst dich auch an anderen Orten beteiligen: bei Greenpeace, Amnesty International, einer AIDS-Hilfe-Gruppe oder bei der Obdachlosenfürsorge etc.
Quellen:
"Wir lieben wen wir wollen", Ellen Bass und Kate Kaufmann, Orlanda Frauen Verlag
Jugendgruppe Expect, 2006 - Verfasser Martin und Christof*
* Alle Namen wurden von Expect geändert